Draisinen im Jardin du Luxembourg. Stich von Genty Paris 1818
Als Erster kam ein deutscher Beamter, der
Forstmeister im Großherzugtum Baden Karl Friedrich Drais von
Sauerbronn (1785 - 1851) auf die Idee, sich auf zwei Rädern
vorwärtszubewegen. Drais erfand auch eine Tauchmaschine, ein
Periskop, einen Klavierrekorder, der Noten aufzeichnen konnte und
später eine Tastenschreibmaschine.
Doch haupsächlich verbinden wir mit dem Namen Drais das
Laufrad, die Draisine. Als er mit diesem Ungetüm durch die
Straßen fuhr, die noch nicht den bequemen Asphaltbelag hatten,
scheuten die Pferde und man verbot ihm diesen Unfug.
Diese Draisine gibt es jetzt wieder im Kleinformat für Kinder zum
Üben des Gleichgewichts zu kaufen
Die Tretkurbel lässt aus dem Laufrad ein Fahrrad werden
Fahrrad von George C. Miller, Chikago um 1870
Nachdem die Leute sich an den Anblick des
Laufrades gewöhnt hatten, ging man ab 1860 einen Schritt weiter.
Pfiffige Erfinder wie der Franzose Pierre Lallement machten
an das Vorderrad Pedale, zwar noch ohne Übersetzung. Auch Henry
Michaux behauptete, als erster auf die Idee gekommen zu sein.
Pierre Lallement wanderte nach Amerika aus und meldete seine
Idee als Patent an.
Als er 1867 wieder nach Paris kam, mußte er mitansehen, daß seine
Idee bereits durch die Straßen fuhr, allerdings zu Gunsten der
Familie Michaux'. Seine Firma, die er in Paris gründete,
hatte aber keinen Bestand, er kam zu spät.
Nebenstehendes Bild zeigt das erste britisches Veloziped mit
Zugspeichenrad und Vollgummireifen. Hier ergänzt ein Scharnier in
Rahmenmitte die Lenkung.
Die Räder waren schwer und unhandlich. Das neue Material,
Stahl, war die Voraussetzung, daß leichtere
Konstruktionen möglich wurden. Statt der
Druckspeichen, die das Fahrrad so schwer wie ein heutiges
Motorrad machten, konnte jetzt mit
Zugspeichen enorm Gewicht gespart werden.
Zum zusätzlichen Komfort wurden die Räder mit
Vollgummi bereift, den federgepufferten Sattel
kannte man vorher schon.
Durch die großen Räder war immer die Gefahr gegeben, daß der
Fahrer den Fußkontakt mit den Speichen verliert. Um die Lenkung zu
erleichtern, wurde in der Mitte des Rahmens ein
Scharnier eingebaut. Bei der späteren Entwicklung
fand man andere Konstruktionen. Die schweren Radlader auf der
Baustelle haben noch heute dieses Konstruktionsmerkmal.
Mann mit Hochrad, einem Columbia Expert mit Nabenlaterne, um 1885
Die bisher gebauten Räder wurden durch Pedale direkt an den
Rädern angetrieben. Dadurch waren sie sehr langsam. Um eine höhere
Geschwindigkeit zu erzielen, kam man auf die Idee, die Räder
einfach größer zu machen. Das Gewicht spielte jetzt nicht mehr die
entscheidende Rolle.
Die höhere Geschwindigkeit erkaufte man mit einer größeren
Labilität, die es nur für sportliche Männer interessant machte.
Zu ersten Mal wurden mit diesen Hochrädern Radrennen gefahren,
nicht nur solche, bei denen der Schnellste,
sondern auch solche, bei denen der Langsamste
siegte. Bei den kippligen Gestellen war das wahrscheinlich
schwieriger, nicht vom Rad zu fallen als schnell zu fahren. Beide
Rennarten hatten aber immer ihr Publikum.
Es gab bei den späteren Hochrädern auch schon
Kraftübertragungen mit Kette, damit der Fahrer
nicht so hoch hinauf mußte.
Das Rudge Triplet, ein direktgesteuerter Vierrad-Tandem-Roadster. Plakat von Frederik Dangerfield, London, um 1890
Die Fahrt mit Hochrädern war sehr gefährlich und Damen, zumal
vom Stande, nicht zuzumuten. Deshalb wurden die Sitze zwischen den
Rädern untergebracht, es entstanden Drei- und Vierradfahrzeuge.
Das nebenstehende Triplet erschien erstmals 1888 und gewann bei
der Pariser Weltausstellung 1889 die große Goldmedaille.
"Diese Maschine ist ohne Zweifel das schnellste und
sicherste Tandem, das jemals gebaut wurde, und Ende 1888 wurden
mehrere sensationell schnelle Fahrten auf der Straße von ihm
geleistet. ... Das Geheimnis des Erfolgs lag darin, wie sich die
Maschine der unebenen Straße anpaßt und sich selbst balanciert. Der
vordere Fahrer - kann auch eine Dame sein - hat normale
Whatton-Handgriffe ... Lenken erfolgt ausschließlich vom mittleren
Fahrer. Die Maschine ist sehr gehorsam und kann mit großer
Genauigkeit und Leichtigkeit gesteuert werden."(H.Griffin, "Bicycles & Tricycles of the Year 1889.
"London, L. Upcott Gill, 1889)
Diese Art der Fahrräder leiteten ein neues Kapitel des
Fahrzeugbaus ein, den Automobilbau.
Nachdem in den Vierrad-Tandems der Kettenantrieb bereits benutzt
wurde, wurde er relativ spät, erst 1876 erstmalig hergestellt.
Erfinder dieser Bauart ist wahrscheinlich Henry John Lawson aus
Coventry, der dank seines Kleinwuchses nicht ein Hochrad benutzen
konnte oder wollte. Andere datierten die Einführung des Niederrades
noch früher ein.
Unsere Abbildung zeigt ein Niederrad von
Meyer-Guilmet aus Paris, das sich 1869 aber
gegenüber den schnelleren Hochrädern nicht durchsetzen konnte.
Durch weitere Verbesserungen zeichnete sich aber die Richtung ab
und die Hochräder haben sich überlebt. Neben dem bekannten
Stahlrahmen gab es auch Rahmen aus Hickoryholz, um an Gewicht
zu sparen. Nachdem man die schlechte Beschaffenheit der
Straßen durch die Verwendung gefederter Rahmen abzuhelfen
wußte, die aber ihren Preis hatten, gelang mit dem
Luftreifen der Durchbruch zum Massenfahrzeug.
Einen entscheidenden Sprung in der Beliebtheit des Niederrades
wurde durch die Erfindung des Luftreifens vom schottischen Tierarzt
John Boyd Dunlop 1888 bekannt. Das Patent vom
schottischen Ingenieur Robert Thomson 1845 kam
über die Patentschrift nicht hinaus.
Da diese Räder doppelt so breit waren als die Vollgummiräder,
mußten neue Räder her, die bedingt durch die Luftreifen recht
klobig wirkten. Trotz der Unförmigkeit setzten sich diese Räder
aber durch.
In den Jahren um 1990 herum hatte das Fahrrad die auch jetzt
bekannte Form mit Kettenantrieb des Hinterrades und rautenförmigem
Rahmen erreicht. Was jetzt kam, waren Verfeinerungen, wie
Gewichtseinsparungen durch leichtere Materialien.
Nebenstehendes Bild zeigt einen Versuch mit Rohren aus
Bambus, die durch Stahlteile zusammengehalten
wurden. Aber durchgesetzt hat sich diese Bauweise nicht, da zur
Herstellung das richtige Material und viel handwerkliches
Geschick erforderlich war, einen Stahlrahmen konnte man einfach
billiger herstellen.
Das Sortwunder Indianapolis Marshal Walter "Major" Taylor
Nachdem das Fahrrad erwachsen wurde und
als Massenartikel überall Anklang fand, wurde auch sein Wert
als Sportmaschine immer populärer. In Indianapolis setzte sich
erstmals in der Sportgeschichte ein Farbiger, Marshal Walter
"Major" Taylor gegen den Widerstand der weißen Rennfahrermehrheit
durch. Er gewann zahlreiche Rennen in Amerika und Europa und war
damals genauso populär wie heutige Sieger der Tour de France.
Wir machen jetzt einen großen Zeitsprung nach 1970. In Amerika
mit seinen endlosen Weiten hatte das Fahrrad nicht so sehr die
Faszination als Sportmaschine für die Masse, weil auf den Straßen
das Auto dominierte.
Dafür entdeckten die Radfahrer aber das Fahren in der schönen
unberührten Natur Amerikas. Schnell stellte man fest, daß das die
meisten Räder, die ja für Radwege hergestellt waren, nicht lange
mitmachten. So kombiniete man Radteile und Motorradteile zu einer
neuen Spezies, dem Mountainbike. Schnell sprang die Fahrradbranche
auf diesen Zug auf und machte das große Geschäft mit der
Naturbegeisterung.
Einen großen Aufschwung durch das Mountainbike nahm auch
die Entwicklung der Kettengangschaltung, die zu Höchstformen
auflief.
Nicht nur als Wanderrad, sondern auch für Rennen über schwerstes
Gelände, analog dem Motocross, wurde das Mountainbike genutzt.
Einer der erfolgreichsten Fahrer, die mit einen Affenzahn die Berge
hinunterfuhren, war 1975 Gery Fisher.
Die Bilder dieser kleinen Geschichte des
Fahrrades sind dem Buch "Faszination
Fahrrad" von Pryor Dodge entnommen,
erschienen in der Delius Klasing Edition Moby Dick